12:00

papa

Der Anruf kam um 10:30. Wir hätten nicht mehr viel Zeit, hiess es. Um 11:00 waren wir da. Inmitten all der lebenserhaltenden Technik sah dieser grosse Mann auf einem Mal so klein aus.

Er lag so friedlich da, zwischen all den Schläuchen und Kabeln. Seine faltigen Hände, als ob er sie gleich bewegen würde. So warm und weich. Ein Leben lang, 84 Jahre, hatte Ihn eine hartnäckige Psoriasis seinen Körper hassen lassen. Aber jetzt war die Haut glatt und weich und ohne Widerstand berührt zu werden. Irgendwie verrückt dass diese Nähe erst jetzt entsteht, obwohl ich die Sehnsucht danach ein Leben lang in mir getragen habe. Als ob wir uns im Leben, so, nicht begegnen konnten.

Zwei mal hab ich schon das Wunder der Geburt erlebt und jetzt bin ich wohl am anderen Ende des Spektrums angekommen, am Sterbebett meines Vaters. Und das Leben hat seine eigene Ironie. Punkt 12, als ich meinen ersten Atemzug macht, hörte sein Herz zu schlagen auf. Und zuhause stehen die Koffer gepackt, für eine Reise die heute losgehen sollte.

Die Koffer brauchst du wohl nicht mehr.
Leb wohl, ich liebe dich.

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48

Kurz bevor er ihn ein tiefer Schlaf übermannte – er dachte gerade über sein Leben nach – kamen ihm die Frauen in den Sinn die ihn in seinem Leben begleitet hatten.

Zuerst die, die neben ihm lag, schlafend, und die vor 8 Jahren sein Herz wachgeküsst hatte. Die ihn erreichte, auch dort noch, wo er sich zurückzog, mitunter wochenlang. Die ihn bedingungslos liebte und ihm Halt gab auch wenn nichts mehr da zu sein schien wonach er greifen konnte. Mit der er ganz und gar war weil sie alles war, Geliebte, Freundin, Mutter, Ehefrau.

Und dann all die Anderen.

Die erste, die ihn vor 48 Jahren geboren hatte, mit der er sein ganzes Leben über gekämpft hatte und die er bereits verloren glaubte. Seit ein paar Tagen war sie wieder da und er erinnerte sich und war dankbar für das was sie zu ertragen bereit war.

Und dann die erste grosse Liebe die auch heute noch seinen Namen tragen würde wenn sie nicht dem Leben vor ein paar Jahren den Rücken gekehrt hätte. Damals hatte er sie an einen Anderen verloren.

Genauso wie die zweite, die ihm vor einem halben Leben den ersten Sohn und damit den Schein von Familie schenkte, der jedoch ohne Bestand war.

Dann die, mit der er die eigene Masslosigkeit erforschte, und er sich in allerlei verbotenen Substanzen fast selbst verlor und ihn nur das Verantwortungsgefühl für seinen Sohn weiterleben liess.

Und dann die, die ihm, weil er es geschafft hatte, all das niemals gesagte auszusprechen, heute noch die treuste Freundin ist.

Danach fiel er in einen Traum von Dankbarkeit aus dem er nicht wieder erwachen wollte.

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Handlungsreisende

Die Reisenden: Vater und Sohn
Die Handlung: Reise in die Vergangenheit
Das Ziel: Longiano in der Emilia Romagna

Jetzt sitzen wir also in seinem altem Opel und fahren Richtung Süden. Vor 3 Monaten noch ein unvorstellbarer Gedanke, für Ihn wie für mich. Die Strecke ist minutiös geplant, wie alle seine Reisen. Mit dieser hat er jedoch nicht mehr gerechnet. Vier Stunden Fahrt sind Halbzeit, und wir übernachten kurz vor der italienischen Grenze in Arnoldstein. Am nächsten Morgen dann über Landstrassen durchs Kanaltal, der gleiche Weg, auf dem er als junger Soldat in den Krieg ziehen musste. Jeder Kilometer hat Geschichte und er erzählt während ich fahre. Es regnet heftig, aber das stört nicht. Kurz nach MIttag erreichen wir Cervia, wo bereits Pierina auf uns wartete.

Die Freude des Wiedersehens war unspektakulär herzlich, fast so als ob man sich vor nicht allzu langer Zeit zuletzt gesehen hatte. So, als ob man eigentlich nie weg gewesen wäre. In den Herzen dieser 7 Geschwister war mein Vater einer von ihnen. Keine Ahnung was damals, 1944 passiert ist, aber es hat diese Menschen auf ein Leben verbunden, und darüber hinaus. Die gleiche Herzlichkeit haben wir auch von den Familien ihrer Kinder erfahren, die wir in den nächsten Tagen alle kennenlernen durften. Jeden Mittag oder Abend waren wir bei Brüdern, Söhnen, Schwestern eingeladen, jedes dieser Essen war ein kleines Fest, unprätentiös, delikat, laut, herzlich und immer wieder wurde die Geschichte erzählt wie sie einander kennen lernten. Die alten, schweren Zeiten wurden aber immer getragen von dem Zusammenhalt dieser Familie in der mein Vater einen so wichtigen Platz hatte. Über all die Zeit hinweg, 64 Jahre. Es war als kehrte er heim, dorthin wo er eigentlich gern geblieben wär, damals. Alle Geschwister wussten von seiner Liebe zu Augusta und waren damit einverstanden. Sie hätten ihn versteckt, und beschützt vor den Nazis. Aber er wollte die Familie nicht in Gefahr bringen und hat sich entschieden an die Front zu gehen.

meerblick

Auf der Rückreise weiss ich nicht genau was voller ist: Unsere Herzen oder der Kofferraum des alten Opel, der gefüllt ist mit Geschenken, Wein, Früchten, selbst eingelegte Artischocken, allesamt herrlichen Delikatessen. Die Erinnerung dieser Tage geht tief, sehr tief. Ich habe verstanden warum mein Vater ist wie er ist, warum ich bin wie ich bin, und warum ich bin wie er ist. Ein Moment aus diesen Tagen wird mir aber immer in Erinnerung bleiben. Als wir beide mit nackten Füssen über den Strand gingen und ich seine kindliche Freude spüren konnte mit der er das Meer genoss. Und den Gin Tonic danach, am Vormittag. Was waren wir herrlich unvernünftig.

Bilder gibts auch, und zwar hier »

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Sohn

Meinereins ist ein typisches Kind der 60er. Das gesellschaftliche Korsett liess es damals zaghaft zu, nicht funktionierende Beziehungen wieder zu beenden. Und so verlor ich meinen Vater früh, bevor ich sprechen konnte, an eine Andere. Das Bestreben meiner Mutter von nun an den Männern die kalte Schulter zu zeigen war nicht unkompliziert für ihren Sohn.

Und mittendrin in der Erkenntnis, keine Ahnung zu haben wie es sich anfühlt Sohn zu sein, halte ich plötzlich meinen Vater in den Händen und spüre wie er diese Welt nun endgültig verlassen will. Und ich spreche zu ihm, ein leises “Bleib, bitte”. Und diesmal ist er geblieben, auf dem Boden im kalten Treppenhaus, in meinen Händen, im letzten Winter. In diesem Augenblick wurde etwas anders in mir.

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De Bosco wieder Fit im Schritt*

fit im schritt

Der entlassungsbedingende Stuhlgang ist vollbracht, die Narben sind mit Duschpflaster versiegelt, ein letztes Frühstück mit meinem Bettnachbarn und dann ab nach Hause. Erst im Erzählen reflektiert sich das Erlebte dann erst richtig. Gleich von Anfang an diese herzliche und liebevolle Betreuung, von Ärzten wie auch vom ganzen Personal. Die sonst so dominierede Krankenhaustechnik fast unmerkbar, keine Überbelegungen, die langen Spaziergänge in den ruhigen, weiten Gängen, der Blick auf die jahrhunderte alte Klostergartenidylle. Das ganze Haus ist einfach eine stille Mutter. (und hat nebenbei bemerkt Verträge mit allen Kassen!)

stille mutter

Sofern ich nicht wandernd zwischen Spitalskapelle und Intensivstation meine Runden zog, war ich bemüht meinem Bettnachbarn zu entkommen. Schlaf ist eine gute Möglichkeit. In meinen Wachzeiten überfiel er mich mit seiner Freude über sein wiedergewonnen Leben. Bei einem Routineuntersuchung wurde ein Polyp in seinem Darm entdeckt und konnte gerade noch rechtzeitig entfernt werden. Drei angstvolle Tage auf der Intensivstation haben sein ganzes Weltbild verändert. Eigentlich eine schöne Geschichte, über die Tage hinweg musste durfte ich sie immer wieder hören. In mir keimte bereits der Verdacht, dass der Polyp zwar entfernt war, sich dafür aber die ersten Anzeichen von Alzheimer bei ihm zeigten. Vielleicht war er auch nur von seinem Lesestoff aufgewühlt.

alarm

Am Abend des Länderspiels trafen dann unsere gänzlich verschiedenen Freizeitgestaltungsmodelle aufeinander. Wir einigten uns darauf dem Spiel televisionär zu entsagen und stattdessen zu lesen. Er seinen Konsalik, ich meinen Reins. Zum gefühlten Beginn der zweiten Halbzeit brach mir dann aber das Herz und ich machte mich auf zu einer letzten Abendrunde im Haus. Und mein Bettnachbar konnte so noch miterleben wie sich die 3:0 Führung der Alpenlandler in ein niederländisches 3:4 verflachte.

Bei besagtem Abendspaziergang streifte ich am Tod. Der schwarze Mann war auf einmal da. Man konnte ihn in den Gesichtern einer wartenden Familie vor der Intensivstation erleben. Seit dem frühen Nachmittag warteten sie schon hier, sprachen mit verschieden Ärzten, telefonierten verzweifelt und weinten still aneinander vorbei. Und jetzt gegen Abend schien sich das Leben ihres Angehörigen langsam auf den Weg zu machen. Am nächsten Morgen war alles wieder wie sonst auch.

*Pueblo del Bonito

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Hallo Welt!

Was macht man, wenn man ein Blog hat und wenig bis selten darin schreibt? Genau! Man eröffnet ein Zweites. Dieses hier. Das Alte zu schliessen wäre natürlich auch eine Möglichkeit, was aber einem Eingeständnis an das Scheitern gleichkommen würde. Es besteht ja immer noch die Hoffnung das man sich mit dem Alten einfach nur vertan hat: Zu wenig Differenzierung, zuviel Bauchladen, zuwenig Platz für einen selbst, zuviel Transparenz, und, und, und. Nachher weiss man es immer besser, vorher meistens auch.

Egal, hier soll alles anders werden. Giuseppe de Bosco, das Alter Ego, quasi das andere Ich, wird das für mich erledigen. Warum ein Pseudonym? Es geht dabei weniger darum meine Identität zu verschleiern, wer des Internets kundig ist, wird keine Minute verschwenden um herauszufinden wer sich dahinter verbirgt. Vielmehr ist es eine Haltung aus der heraus ich hier schreiben will. Und auch das Design ist vorest Nebensache und wird sich Zug um Zug entwickeln, Work in Progress sozusagen.

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