12:00

papa

Der Anruf kam um 10:30. Wir hÀtten nicht mehr viel Zeit, hiess es. Um 11:00 waren wir da. Inmitten all der lebenserhaltenden Technik sah dieser grosse Mann auf einem Mal so klein aus.

Er lag so friedlich da, zwischen all den SchlĂ€uchen und Kabeln. Seine faltigen HĂ€nde, als ob er sie gleich bewegen wĂŒrde. So warm und weich. Ein Leben lang, 84 Jahre, hatte Ihn eine hartnĂ€ckige Psoriasis seinen Körper hassen lassen. Aber jetzt war die Haut glatt und weich und ohne Widerstand berĂŒhrt zu werden. Irgendwie verrĂŒckt dass diese NĂ€he erst jetzt entsteht, obwohl ich die Sehnsucht danach ein Leben lang in mir getragen habe. Als ob wir uns im Leben, so, nicht begegnen konnten.

Zwei mal hab ich schon das Wunder der Geburt erlebt und jetzt bin ich wohl am anderen Ende des Spektrums angekommen, am Sterbebett meines Vaters. Und das Leben hat seine eigene Ironie. Punkt 12, als ich meinen ersten Atemzug macht, hörte sein Herz zu schlagen auf. Und zuhause stehen die Koffer gepackt, fĂŒr eine Reise die heute losgehen sollte.

Die Koffer brauchst du wohl nicht mehr.
Leb wohl, ich liebe dich.

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Handlungsreisende

Die Reisenden: Vater und Sohn
Die Handlung: Reise in die Vergangenheit
Das Ziel: Longiano in der Emilia Romagna

Jetzt sitzen wir also in seinem altem Opel und fahren Richtung SĂŒden. Vor 3 Monaten noch ein unvorstellbarer Gedanke, fĂŒr Ihn wie fĂŒr mich. Die Strecke ist minutiös geplant, wie alle seine Reisen. Mit dieser hat er jedoch nicht mehr gerechnet. Vier Stunden Fahrt sind Halbzeit, und wir ĂŒbernachten kurz vor der italienischen Grenze in Arnoldstein. Am nĂ€chsten Morgen dann ĂŒber Landstrassen durchs Kanaltal, der gleiche Weg, auf dem er als junger Soldat in den Krieg ziehen musste. Jeder Kilometer hat Geschichte und er erzĂ€hlt wĂ€hrend ich fahre. Es regnet heftig, aber das stört nicht. Kurz nach MIttag erreichen wir Cervia, wo bereits Pierina auf uns wartete.

Die Freude des Wiedersehens war unspektakulĂ€r herzlich, fast so als ob man sich vor nicht allzu langer Zeit zuletzt gesehen hatte. So, als ob man eigentlich nie weg gewesen wĂ€re. In den Herzen dieser 7 Geschwister war mein Vater einer von ihnen. Keine Ahnung was damals, 1944 passiert ist, aber es hat diese Menschen auf ein Leben verbunden, und darĂŒber hinaus. Die gleiche Herzlichkeit haben wir auch von den Familien ihrer Kinder erfahren, die wir in den nĂ€chsten Tagen alle kennenlernen durften. Jeden Mittag oder Abend waren wir bei BrĂŒdern, Söhnen, Schwestern eingeladen, jedes dieser Essen war ein kleines Fest, unprĂ€tentiös, delikat, laut, herzlich und immer wieder wurde die Geschichte erzĂ€hlt wie sie einander kennen lernten. Die alten, schweren Zeiten wurden aber immer getragen von dem Zusammenhalt dieser Familie in der mein Vater einen so wichtigen Platz hatte. Über all die Zeit hinweg, 64 Jahre. Es war als kehrte er heim, dorthin wo er eigentlich gern geblieben wĂ€r, damals. Alle Geschwister wussten von seiner Liebe zu Augusta und waren damit einverstanden. Sie hĂ€tten ihn versteckt, und beschĂŒtzt vor den Nazis. Aber er wollte die Familie nicht in Gefahr bringen und hat sich entschieden an die Front zu gehen.

meerblick

Auf der RĂŒckreise weiss ich nicht genau was voller ist: Unsere Herzen oder der Kofferraum des alten Opel, der gefĂŒllt ist mit Geschenken, Wein, FrĂŒchten, selbst eingelegte Artischocken, allesamt herrlichen Delikatessen. Die Erinnerung dieser Tage geht tief, sehr tief. Ich habe verstanden warum mein Vater ist wie er ist, warum ich bin wie ich bin, und warum ich bin wie er ist. Ein Moment aus diesen Tagen wird mir aber immer in Erinnerung bleiben. Als wir beide mit nackten FĂŒssen ĂŒber den Strand gingen und ich seine kindliche Freude spĂŒren konnte mit der er das Meer genoss. Und den Gin Tonic danach, am Vormittag. Was waren wir herrlich unvernĂŒnftig.

Bilder gibts auch, und zwar hier »

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Sohn

Meinereins ist ein typisches Kind der 60er. Das gesellschaftliche Korsett liess es damals zaghaft zu, nicht funktionierende Beziehungen wieder zu beenden. Und so verlor ich meinen Vater frĂŒh, bevor ich sprechen konnte, an eine Andere. Das Bestreben meiner Mutter von nun an den MĂ€nnern die kalte Schulter zu zeigen war nicht unkompliziert fĂŒr ihren Sohn.

Und mittendrin in der Erkenntnis, keine Ahnung zu haben wie es sich anfĂŒhlt Sohn zu sein, halte ich plötzlich meinen Vater in den HĂ€nden und spĂŒre wie er diese Welt nun endgĂŒltig verlassen will. Und ich spreche zu ihm, ein leises “Bleib, bitte”. Und diesmal ist er geblieben, auf dem Boden im kalten Treppenhaus, in meinen HĂ€nden, im letzten Winter. In diesem Augenblick wurde etwas anders in mir.

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